Burnout-Verbreitung überschätzt


DAK fordert sachliche Debatte
Burnout-Verbreitung überschätzt

Die Fehltage aufgrund psychischer Leiden erreichten 2012 einen neuen Höhepunkt. Entwickeln wir uns zu einem Volk psychisch Kranker? Nein, nur die Sensibilität für psychische Krankheiten hat sich deutlich erhöht, urteilt die DAK.

Sind wir heute anders krank?

Der DAK-Gesundheitsreport 2013 offenbart einen klaren Trend: Fehltage aufgrund von psychischen Krankheiten haben sich zwischen 1997 und 2012 mehr als verdoppelt. „Wir brauchen eine ehrliche und sachliche Debatte, um diese Entwicklung in der Arbeitswelt richtig bewerten zu können“, betont Herbert Rebscher, Chef der DAK-Gesundheit. „Denn die Arbeitsausfälle sind für Betriebe schwerwiegend. Psychische Erkrankungen dauern meist lange.“

Der DAK-Gesundheitsreport basiert auf einer Krankenstandanalyse sowie Befragungen von über 3000 Arbeitnehmern und Ärzten. Arbeitsunfähigkeitsdaten geben zuverlässig Auskunft über das Ausmaß psychischer Diagnosen bei Krankschreibungen. Sie spiegeln allerdings nicht zwangsläufig die tatsächliche Verbreitung psychischer Erkrankungen wider. Studien belegen, dass psychische Erkrankungen seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet sind. Wieso werden die Diagnosen wie Burnout und Depression dann heute öfter gestellt? „Das Bewusstsein und die Sensibilität von Ärzten und Patienten diesen Krankheiten gegenüber haben sich deutlich verändert“, erläutert Rebscher. Viele Arbeitnehmer werden heute mit psychischen Leiden krankgeschrieben, während sie früher mit Diagnosen wie Rückenschmerzen oder Magenbeschwerden arbeitsunfähig gewesen wären.

Burnout kein Massenphänomen

Beispiel Burnout: Seit einigen Jahren läuft eine breite öffentliche Debatte über das Burnout-Syndrom. Der Begriff ist durch die breite Berichterstattung in den Medien positiver besetzt und akzeptierter als eine Depression. Denn Burnout-Betroffene haben in der öffentlichen Meinung meist sehr hart gearbeitet und sind dadurch ausgebrannt. Insofern hat die öffentliche Debatte dazu beigetragen, dass Arbeitnehmer beim Arzt leichter über psychische Beschwerden sprechen. Jedoch ist Burnout keine eigenständige Krankheit, sondern eine Art Risikozustand, erläutert Rebscher. In der Praxis vermerken die Ärzte diese Zusatzdiagnose auf der Krankmeldung meist ergänzend bei Depressionen und Anpassungsstörungen. Zwischen 2004 und 2012 hat die Zusatzdiagnose Burnout einen steilen Anstieg verzeichnet, ist jedoch von einem Massenphänomen weit entfernt: Insgesamt werden durch die Zusatzcodierung Krankschreibungen mit einem Volumen von etwa zehn Fehltagen pro 100 Erwerbstägige begründet. Die Depression verursacht mit 85 Fehltagen pro 100 Arbeitnehmer mehr als acht Mal so viele Ausfalltage. Es ist daher fraglich, ob Burnout wirklich die Bedeutung hat, wie es in der öffentlichen Debatte häufig scheint.

Gedanken an die Arbeit im Büro lassen

Ein Risikofaktor für eine psychische Erkrankung ist die sich auflösende Grenze zwischen Beruf und Privatleben. Handy und E-Mail gewähren eine permanente Erreichbarkeit – auch außerhalb des Büros. Wer mindestens einmal pro Woche nach Feierabend berufliche Telefonate führt, erhöht sein Risiko, an einem psychischen Leiden zu erkranken. Unter den ständig erreichbaren Mitarbeitern leidet jeder Vierte unter einer Depression. „Für diese kleine Gruppe hat der Wegfall der Grenze zwischen Beruf und Privatleben einen hohen Preis“, gibt Rebscher zu bedenken. Auch Arbeitsverdichtung, steigender Konkurrenzdruck, lange Arbeitszeiten und unsichere Arbeitsverhältnisse werden als Ursache für psychische Leiden diskutiert.

Der DAK-Gesundheitsreport 2013 ergab, dass psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt weiterhin stigmatisiert werden. Die befragten Arbeitnehmer schätzten das Verständnis von Mitarbeitern und Kollegen für psychische Probleme pessimistischer ein als noch im Jahr 2004. „Hier besteht dringender Handlungsbedarf für Betriebe und betroffene Mitarbeiter, das Thema mehr als bisher aus der Tabuzone herauszuholen“, fordert Rebscher.

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